Einer Second Line lauschen
Eine Parade ohne Kasse
Als ich zum ersten Mal eine hörte, wusste ich nicht, was ich da hörte. Es war ein Sonntagnachmittag irgendwo nördlich von Tremé, und eine Wand aus Blechbläsern kam um eine Ecke, noch bevor ich einen einzigen Menschen sah: Posaunen, ein Sousaphon, eine Snare-Drum, alles in Bewegung.
Genau diese Unterscheidung ist der springende Punkt dieser Seite. Eine Second Line ist keine Show, die für Touristen gebucht wird; es ist eine Parade, organisiert von einem lokalen Social Aid and Pleasure Club, eine Tradition, die direkt aus dem Congo Square und der Brass-Band-Kultur von Tremé hervorgegangen ist, einem der ältesten afroamerikanischen Viertel des Landes. Clubs sammeln das ganze Jahr über Geld, wählen einen Sonntag, engagieren eine Band und ziehen durch ihre eigenen Straßen, oft endend an einer Bar oder einem Saal, mit dem der Club verbunden ist.
Es passiert, weil das Viertel beschlossen hat, sich selbst zu feiern, nicht weil ein Veranstaltungsort einen Termin füllen musste. Wenn du die ausführlichere Geschichte darüber willst, wie diese Paraden und die Brass Bands, die sie anführen, zusammengekommen sind, geht dieser Erklärartikel zu Second Lines und Brass Bands tiefer, als ich es hier kann, und die Geschichte steht in direktem Zusammenhang mit dem umfassenderen afroamerikanischen Erbe von New Orleans.
Warum es keinen festen Zeitplan gibt
Ich würde dir gerne eine verlässliche wöchentliche Uhrzeit und Adresse geben, aber das wäre unehrlich. Second Lines finden meist von Labor Day bis zum späten Frühling statt, meist an Sonntagnachmittagen, und meist außerhalb des French Quarter — in Tremé, im Seventh Ward, in Central City und anderen Vierteln, in denen die Clubs ansässig sind. Darüber hinaus können sich Routen und genaue Startzeiten kurz vor dem Tag noch ändern, und ein Sturm während der Hurrikansaison oder eine Terminüberschneidung kann eine Parade auch ganz absagen.
Diese Saison, ungefähr Labor Day bis zum späten Frühling, überschneidet sich zufällig auch mit den beiden größten Gründen, aus denen die meisten Besucher ohnehin schon anreisen — Mardi Gras und Jazz Fest — es lohnt sich also, den Second-Line-Kalender zu prüfen, selbst wenn eine Parade nicht der Grund für die Buchung deiner Reise war; falls du deine Reisedaten noch gar nicht festgelegt hast, behandelt unsere Seite zur besten Reisezeit für New Orleans, wie diese Saison zum Rest des Jahres passt.
Was ich tatsächlich mache: Ich schaue in den Tagen vor meiner Ankunft in den Gemeinschaftskalender von WWOZ, dem lokalen Jazz- und Heritage-Radiosender, weil dort die bestätigten Paraden der jeweiligen Woche mit ungefährer Startzeit und Viertel aufgeführt sind. Außerdem frage ich Menschen, die es tatsächlich wissen könnten – einen Barkeeper in der Frenchmen Street, Personal in einem Musikclub, jemanden in meiner Unterkunft –, denn Neuigkeiten verbreiten sich vor Ort schneller als jede Website aktualisiert werden kann. Und ich halte die Ohren offen. Mehr als einmal habe ich eine Second Line einfach gefunden, indem ich in Richtung des Klangs einer Tuba ging.
Dem Klang folgen, nicht einer Routenkarte
Wenn ich auch nur eine entfernte Brass-Line höre, gehe ich darauf zu, statt aufs Handy zu schauen. Ist man erst einmal in der Nähe einer Parade, ist sie kaum zu übersehen: eine rollende Menschenmenge, ein von Clubmitgliedern in passenden Anzügen getragenes Banner, eine Polizeieskorte, die den Weg freihält, und dahinter eine tanzende Menschenschlange auf der Straße. Es gibt eine klare Ordnung, wer wo steht – die Clubmitglieder mit ihrem Banner bilden die „First Line“, die Menge der Zuschauer und Mittänzer, die sich hinter ihnen anschließt, ist die „Second Line“, die der ganzen Tradition ihren Namen gibt.
Diese Ordnung verstehe ich als Etikette. Ich dränge nicht nach vorn, ich versuche nicht, neben den Clubmitgliedern selbst zu gehen, und ich stelle mich nicht in fremde Einfahrten, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen. Ich tanze am Ende der Menge mit, halte das Tempo und lasse die Parade den Rhythmus vorgeben, nicht umgekehrt. Es ist derselbe Instinkt wie bei einer Einladung zu einer fremden Straßenparty: Man kommt, genießt es und stellt nicht die Möbel um.
Dieser Instinkt lohnt sich auch für den Rest einer Reise. Unser umfassenderer Leitfaden zu Reisefehlern in New Orleans, die man vermeiden sollte behandelt noch ein paar weitere Stellen, an denen die guten Absichten eines Besuchers für die Menschen, die hier leben, trotzdem rücksichtslos wirken können.
Respekt vor der Straße geht vor dem Foto
Das ist der Teil, den ich doppelt unterstreichen würde. Eine Second Line bewegt sich durch Wohnviertel, in denen Menschen leben, auf ihren Veranden sitzen und ihrer eigenen Nachbarschaftsparade zusehen – es ist kein inszeniertes Sightseeing, und die Tradition existierte Jahrzehnte, bevor überhaupt jemand daran dachte, wegen des Tourismus nach New Orleans zu reisen. Ich halte mein Telefon eher unten als oben. Wenn ich doch etwas fotografiere, geschieht das schnell und aus respektvollem Abstand, nie als Nahaufnahme mitten im Tanz ins Gesicht gedrängt, und nie die Route für die Menschen blockierend, denen die Parade eigentlich gehört.
Ich würde das auch klar von der Bar- und Club-Szene der Frenchmen Street oder einem Set in der Preservation Hall trennen — die sind wunderbar, aber es sind programmierte Veranstaltungsorte mit Eingang und Zeitplan, was eine Second Line ganz bewusst nicht ist. Wenn du garantierte Live-Musik an einem bestimmten Abend willst, sind unsere Leitfäden zu Live-Jazz in New Orleans und zur umfassenderen Jazz-, Musik- und Nightlife-Szene der Stadt ein besserer Ausgangspunkt als diese Seite; wenn du diese besondere, nicht buchbare, viertelbezogene Tradition erleben willst, zählen Geduld und ein lokales Gehör mehr als jeder Reiseplan.
Was am Tag selbst wirklich hilft
Bequeme Schuhe sind wichtiger als alles andere — Paraden können sich über Kilometer und Stunden hinziehen, bei echter Hitze und Luftfeuchtigkeit, besonders außerhalb der kühleren Monate. Ich nehme Wasser, Sonnencreme und Bargeld mit, falls ich der Band ein Trinkgeld geben oder ein Getränk aus einer Kühlbox kaufen möchte, die jemand von einer Veranda aus verkauft.
Ich nehme keine große Tasche oder Wertsachen mit, die ich in einer sich bewegenden Menge nur ungern aus den Augen verlieren würde, und ich bleibe genauso aufmerksam gegenüber meiner Umgebung, wie ich es auf jedem unbekannten Straßenblock wäre, da die Route nicht innerhalb des gut bewachten Kerns des French Quarter liegt. Unsere allgemeine Seite darüber, ob New Orleans für Touristen sicher ist, behandelt diese alltägliche Vorsicht ausführlicher, und falls der Zeitpunkt in die wärmeren Monate fällt, lohnt es sich, vor der endgültigen Terminfestlegung zu lesen, was man während der Hurrikansaison erwarten sollte.
Bargeld ist auch aus anderen Gründen als dem Trinkgeld für die Band nützlich — ein kurzer Blick auf unsere Seite zu Trinkgeld und Umsatzsteuer in New Orleans erspart dir das Nachrechnen am Tag selbst. Und wenn eine Second Line der Ankerpunkt deiner Reise ist und nicht nur ein Bonus, lohnt es sich, bei der Wahl, wo man in New Orleans übernachten sollte, die Viertel im Blick zu behalten — Tremé, den Seventh Ward, Central City — in denen die meisten Paraden tatsächlich stattfinden, statt anzunehmen, dass das French Quarter dich nah ans Geschehen bringt.
Zwischen den Second Lines bietet die Stadt genügend andere, planbare Wege zu ihrer Musik und Geschichte. Ich habe an einem Abend, an dem keine Parade stattfand, an einer geführten abendlichen Gruseltour durch das French Quarter teilgenommen, die denselben Wunsch nach einem geführten, geselligen Abend erfüllte.
Bei einem Tagesausflug flussaufwärts füllt eine geführte Tour durch die St Joseph Plantation oder eine halbtägige Tour zur Oak Alley Plantation einen Nachmittag mit einem festen Zeitplan, den eine Second Line nie haben wird. Und wenn Sie einen Teil der Reise an der Küste verbringen, ist eine gespenstische Bayou-Kreuzfahrt ab Bay St Louis die Art von buchbarem Abend, den Sie mit der Unvorhersehbarkeit der Paraden zurück in der Stadt kombinieren können.
Wenn ich alles zusammenfassen müsste, was ich beim Verfolgen dieser Paraden gelernt habe: Nutzen Sie den Kalender als Ausgangspunkt, fragen Sie vor Ort Einheimische, folgen Sie Ihren Ohren, und sobald Sie in der Menge sind, verhalten Sie sich wie ein Gast bei der Feier eines anderen – denn genau das sind Sie.
Second Lines in New Orleans: Ihre Fragen beantwortet
Kann ich ein Ticket für eine Second Line kaufen?
Nein. Eine Second Line ist keine bezahlte Veranstaltung und keine Show für Besucher – es gibt keine Kasse, keine Sitzplätze und kein Unternehmen, das Eintritt verkauft. Es ist eine Straßenparade, organisiert von einem lokalen Social Aid and Pleasure Club, und jeder auf der Route kann kostenlos zuschauen oder sich hinter der Band einreihen.
Woher weiß ich, wann und wo eine stattfindet?
Die ungefähren Termine stammen aus dem Gemeinschaftskalender von WWOZ, der die bestätigten Paraden der jeweiligen Woche auflistet, aber die genauen Routen können sich ändern und werden selten lange im Voraus angekündigt. Man sollte jeden Zeitplan nur als Ausgangspunkt betrachten, flexibel bleiben und bereit sein, einfach dem Klang einer Brass Band zu folgen, wenn man sie hört.
Ist es unhöflich, Fotos zu machen?
Es ist nicht verboten, aber eine Second Line bewegt sich durch ein Wohnviertel, nicht über eine Bühne, daher halte ich mein Telefon eher unten als oben. Wenn ich doch ein Foto mache, geschieht das schnell, ohne die Route zu blockieren oder die Kamera aus nächster Nähe auf tanzende Menschen oder ihre Veranden zu richten.
Können Besucher wirklich mitmachen und tanzen?
Ja, sich der Menge hinter der Band anzuschließen ist normal und willkommen – genau dafür ist eine Second Line da. Vorsicht ist geboten, wenn man versucht, die Führung zu übernehmen, für die Kamera zu posieren oder sich zu den Clubmitgliedern selbst vorzudrängen, die die „First Line“ bilden; der Platz eines Besuchers ist weiter hinten, tanzend mitgehen, nicht die Szene für sich beanspruchen.
Ist eine Second Line für Besucher sicher?
Second Lines ziehen durch ganz normale Straßen, auch durch Blocks, die sonst wenig Touristenverkehr sehen, daher gilt der übliche Rat für New Orleans: Wertsachen außer Sicht halten, bei der Menge bleiben statt allein am Rand zu verweilen, und Hitze sowie lange Fußwege einplanen, besonders im Sommer.
Was ist der Unterschied zwischen einer Second Line und einem Jazz Funeral?
Ein Jazz Funeral ist ein bestimmter Anlass für eine Second Line: ein Trauerzug für ein Mitglied der Gemeinschaft, mit einem langsamen Trauermarsch auf dem Weg zur Beerdigung und einem schwungvollen Abschied danach. Eine sonntägliche Second Line dagegen ist eine wiederkehrende Feier ohne jeden Bezug zu einem Todesfall, bei der ein Club einfach durch sein eigenes Viertel zieht.
Sollte ich eine Tour buchen, die eine Second Line verspricht?
Seien Sie vorsichtig bei allem, was als garantiertes Second-Line-Erlebnis verkauft wird, denn kein Unternehmen kontrolliert, wann oder wo eine echte stattfindet. Manche Ghost-, History- und Musik-Touren erwähnen Second Lines am Rande, doch die Paraden selbst sind nie ein käufliches Produkt – nur die Nachbarschaft und der Kalender entscheiden.
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